02 · Bezahlbares Leben
Ebene 4: Fakten, Zahlen & HUMA-Werkstatt
Was bedeutet „bezahlbar“ eigentlich in Zahlen?
Auf der vorherigen Ebene haben wir untersucht, warum Einkommen allein wenig darüber aussagt, wie gut Menschen tatsächlich leben können.
Jetzt öffnen wir die Rechnung.
Wir wollen wissen:
Was kostet ein angemessenes Leben?
Wie viele Menschen erreichen mit ihrem Einkommen die Grundlagen?
Wie viele können gesellschaftlich teilhaben?
Wie viele besitzen genügend finanziellen Spielraum für Rücklagen und unerwartete Ausgaben?
Wie unterscheiden sich Singles, Paare, Familien und Alleinerziehende?
Und was könnten die bisher entwickelten HUMA-Reformen daran verändern?
Dabei unterscheiden wir konsequent:
🟢 Fakt
Amtliche Daten oder belastbare externe Zahlen.
🟡 HUMA-Modell
Eigene Berechnungen auf Grundlage offengelegter Annahmen.
🔴 Offen
Hier fehlen noch Daten, Mikrodaten oder abschließende Berechnungen.
Die HUMA-Werkstatt soll nicht beweisen, dass unser Modell recht hat. Sie soll prüfen, ob es funktioniert.
Das finden Sie in der HUMA-Werkstatt
Inhaltsverzeichnis:
A · Was kostet ein bezahlbares Leben?
Warenkorb · Grundlagen · Teilhabe · Sicherheit · Einkommensverteilung
B · Was verändert HUMA konkret?
Modellhaushalte · Mehr Netto · Umsatzsteuer · zusätzliche Arbeit · Ländervergleich
C · Wen erreichen unsere Instrumente?
besondere Lebenslagen · Deckungsquote · bisher nicht eingerechnete Wirkungen
D · Wie belastbar ist die Rechnung?
Grenzen · offene Punkte · Stresstest
A Was kostet ein bezahlbares Leben?
1 · Was kostet ein angemessenes Leben?
Ausgangspunkt unserer Berechnungen ist der HUMA-Warenkorb.
Er ist kein staatlicher Transferanspruch.
Er soll eine andere Frage beantworten:
Wie viel Geld benötigt ein Haushalt, um nicht nur zu existieren, sondern angemessen leben, gesellschaftlich teilhaben und ein Mindestmaß an wirtschaftlicher Sicherheit aufbauen zu können?
Dafür unterscheiden wir drei Stufen.
Grundlagen
Der notwendige Alltag kann angemessen finanziert werden.
Dazu gehören insbesondere:
Wohnen · Ernährung · Energie · Kleidung · notwendige Mobilität · Kommunikation · Gesundheit · Körperpflege · grundlegende Haushaltsausgaben.
Aber es bleibt kaum finanzieller Spielraum.
Eine unerwartete größere Ausgabe kann bereits zum Problem werden.
Teilhabe
Zusätzlich zu den Grundlagen ist normale gesellschaftliche Teilhabe möglich.
Dazu gehören beispielsweise:
Freizeit · Kultur · soziale Aktivitäten · Hobbys und Vereine · Aktivitäten der Kinder · angemessene zusätzliche Mobilität · begrenzter Urlaub.
Teilhabe ist für uns kein Luxus.
Sie gehört zu einem normalen gesellschaftlichen Leben.
Sicherheit
Zusätzlich können begrenzte Rücklagen aufgebaut und unerwartete Ausgaben aufgefangen werden.
Beispielsweise:
eine kaputte Waschmaschine
eine notwendige Autoreparatur
größere Anschaffungen
begrenzte Vorsorge.
Damit führt eine unerwartete Ausgabe nicht unmittelbar zu Schulden oder dazu, dass andere notwendige Ausgaben ausfallen.
Sicherheit bedeutet bei HUMA nicht Wohlstand oder Luxus. Sie bedeutet einen wirtschaftlich belastbaren Alltag.
2 · Unsere Warenkörbe
Am detailliertesten haben wir bisher eine vierköpfige Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern untersucht.
Für eine Region mit mittleren Wohnkosten – unsere Region B – ergibt sich folgender Referenzwarenkorb:
Bereich | €/Monat |
Ernährung & Getränke | 750–850 € |
Wohnen | 1.150 € |
Haushaltsstrom | 115 € |
Haushalt, Möbel & Geräte | 185 € |
Kleidung & Schuhe | 275 € |
Mobilität | 550 € |
Kommunikation & Digitales | 160 € |
Gesundheit | 65 € |
Versicherungen | 35 € |
Kinder & Bildung | 270 € |
Gesellschaftliche Teilhabe | 250 € |
Freizeit & Kultur | 200 € |
Urlaub | 150 € |
Körperpflege & Hygiene | 130 € |
Altersvorsorge & Rücklage | 285 € |
Sonstiger Bedarf | 80 € |
Gesamt | ca. 4.650–4.750 € |
🟡 HUMA-Referenzwert
Daraus ergeben sich für diesen Haushalt vorläufig:
Grundlagen
- 3.575 €
Teilhabe
- 4.315 €
Sicherheit
- 4.650–4.750 €
Wichtig:
Diese Beträge sind keine vorgeschlagenen staatlichen Transferleistungen.
Sie beschreiben einen Referenz-Lebensstandard, an dem Einkommen, Sozialleistungen und politische Reformen gemessen werden können.
Vorläufiger Single-Warenkorb
Für Alleinlebende liegt unser vollständiger Referenzwarenkorb bei:
- 2.350 €
Aus der bisherigen Warenkorbarbeit und dem Vergleich mit der Einkommensverteilung ergeben sich vorläufig:
Stufe | Single · Region B |
Grundlagen | ca. 1.800 € |
Teilhabe | ca. 2.180 € |
Sicherheit | ca. 2.350 € |
🟡 HUMA-Modellwerte
Diese Schwellen werden vor der endgültigen Veröffentlichung noch einmal positionenweise überprüft.
Weitere Haushaltstypen
Vorläufige vollständige Referenzwarenkörbe liegen außerdem für weitere Haushalte vor.
Beispielsweise:
Paar ohne Kinder: ca. 3.350 €
Alleinerziehend: Größenordnung ca. 2.950 €, abhängig von Zahl und Alter der Kinder.
🔴 Die endgültige Zerlegung dieser Warenkörbe in Grundlagen · Teilhabe · Sicherheit wird noch überprüft.
3 · Wie viele Menschen erreichen diese Lebensstandards?
Mit den HUMA-Warenkörben können wir nicht nur fragen, was ein angemessenes Leben kostet.
Wir können auch abschätzen:
Wie viele Haushalte in Deutschland erreichen die Grundlagen?
Wie viele können gesellschaftlich teilhaben?
Und wie viele besitzen genügend finanziellen Spielraum für Rücklagen und unerwartete Ausgaben?
Dafür haben wir unterschiedliche wirtschaftliche Lebenslagen betrachtet und verfügbare Haushalts- und Einkommensdaten mit unseren HUMA-Warenkörben verglichen.
Dabei geht es bewusst nicht um eine Berechnung bis auf die letzte Nachkommastelle.
Einkommen, Haushaltsformen, Wohnkosten und Lebenssituationen unterscheiden sich erheblich.
Unsere Berechnung soll deshalb zunächst eine Deutschlandtendenz zeigen.
Definition der Begriffe Grundlagen, Teilhabe und „Sicherheit“:
Grundlagen
Das Geld reicht für den notwendigen Alltag – aber kaum darüber hinaus.
Wohnen, Ernährung, Energie, Kleidung, notwendige Mobilität, Kommunikation, Gesundheit und grundlegende Haushaltsausgaben können bezahlt werden. Am Monatsende ist das Einkommen jedoch weitgehend aufgebraucht. Größere unerwartete Ausgaben können bereits zum Problem werden.
Kurz gesagt: Es reicht bis zum Monatsende – aber viel darf nicht passieren.
Teilhabe
Neben dem notwendigen Alltag ist auch ein normales gesellschaftliches Leben möglich.
Es bleibt Geld für Freizeit, Hobbys und Vereine, Treffen mit anderen, Kultur, Aktivitäten der Kinder, zusätzliche Mobilität oder einen begrenzten Urlaub. Nicht alles ist jederzeit möglich – aber das Leben besteht nicht nur aus dem Bezahlen notwendiger Rechnungen.
Kurz gesagt: Man kann nicht nur leben, sondern auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
„Sicherheit“
Zusätzlich bleibt genügend Spielraum, um begrenzte Rücklagen aufzubauen und unerwartete Ausgaben aufzufangen.
Eine kaputte Waschmaschine, eine Autoreparatur, eine höhere Rechnung oder eine notwendige größere Anschaffung führen nicht sofort dazu, dass andere notwendige Ausgaben gestrichen oder Schulden gemacht werden müssen.
🟡 Erste HUMA-Gesamtrechnung
Von 100 Haushalten in Deutschland erreichen nach unserer derzeitigen Modellrechnung ungefähr:
80 % die Grundlagen
Der notwendige Alltag kann angemessen finanziert werden.
Dazu gehören insbesondere Wohnen, Ernährung, Energie, Kleidung, notwendige Mobilität, Kommunikation, Gesundheit und grundlegende Haushaltsausgaben.
Umgekehrt bedeutet das:
20 % erreichen die Grundlagen nicht vollständig.
Das betrifft ungefähr jeden fünften Haushalt.
65 % die Teilhabe
Zusätzlich zu den Grundlagen ist normale gesellschaftliche Teilhabe möglich.
Dazu gehören beispielsweise Freizeit, soziale Aktivitäten, Kultur, Hobbys und Vereine, Aktivitäten der Kinder, zusätzliche Mobilität und ein begrenzter Urlaub.
Umgekehrt:
35 % erreichen keine vollständige Teilhabe.
Das betrifft ungefähr jeden dritten Haushalt.
55 % die „Sicherheit“
Zusätzlich besteht genügend finanzieller Spielraum für begrenzte Rücklagen und unerwartete Ausgaben.
Eine kaputte Waschmaschine, eine notwendige Autoreparatur oder eine höhere Rechnung führt dann nicht unmittelbar dazu, dass andere notwendige Ausgaben ausfallen oder neue Schulden entstehen.
Umgekehrt:
45 % erreichen die „Sicherheitsstufe“ nicht.
Damit verfügt nach unserer Modellrechnung fast die Hälfte der Haushalte nicht über den finanziellen Spielraum, den wir bei HUMA als wirtschaftliche „Sicherheit“ bezeichnen.
Von 100 Haushalten
Da die drei Stufen aufeinander aufbauen, lässt sich die Verteilung noch anschaulicher darstellen:
20 | 15 | 10 | 55
20 Haushalte
erreichen die Grundlagen nicht vollständig.
15 Haushalte
erreichen die Grundlagen, aber noch keine vollständige Teilhabe.
10 Haushalte
erreichen die Teilhabe, aber noch keine „Sicherheit“.
55 Haushalte
erreichen die HUMA-“Sicherheit“sstufe.
Daraus ergeben sich kumulativ:
20 % ohne Grundlagen
35 % ohne Teilhabe
45 % ohne „Sicherheit“
Wichtig:
Diese Werte dürfen nicht addiert werden.
Die Haushalte ohne Grundlagen sind bereits in den 35 % ohne Teilhabe und ebenso in den 45 % ohne „Sicherheit“ enthalten.
Welche Lebenslagen stehen dahinter?
Für diese Gesamtrechnung haben wir nicht nur Erwerbstätigenhaushalte betrachtet.
Wir haben die großen wirtschaftlichen Lebenslagen zusammengeführt.
Lebenslage | Grundlagen | Teilhabe | „Sicherheit“ |
Erwerbstätigenhaushalte | ca. 85–90 % | ca. 70–80 % | ca. 60–70 % |
Ruhestandshaushalte | ca. 70–80 % | ca. 50–60 % | ca. 40–50 % |
Erwerbslosenhaushalte | ca. 35–45 % | ca. 20–30 % | ca. 10–20 % |
sonstige Nichterwerbstätige | ca. 40–60 % | ca. 25–45 % | ca. 15–35 % |
🟡 HUMA-Modellwerte
Studierende und Auszubildende werden dabei nicht als zusätzliche Haushalte oben drauf gerechnet.
Sie sind bereits Bestandteil der Bevölkerung und müssen über ihre jeweilige Haushaltsform und wirtschaftliche Lebenslage zugeordnet werden.
So haben wir gerechnet
🟡 Vereinfachte HUMA-Modellrechnung
Für die Gesamtrechnung haben wir die unterschiedlichen Haushaltsgruppen nicht einfach gleich gewichtet.
Ausgangspunkt sind die wirtschaftlichen Lebenslagen:
Erwerbstätigenhaushalte · Ruhestandshaushalte · Erwerbslosenhaushalte · sonstige Nichterwerbstätigenhaushalte
Für jede dieser Gruppen haben wir abgeschätzt, welcher Anteil mit seinem verfügbaren Einkommen die HUMA-Stufen Grundlagen, Teilhabe und „Sicherheit“ erreicht.
Anschließend wurden diese Ergebnisse entsprechend dem Anteil der jeweiligen Gruppe an den Haushalten in Deutschland gewichtet.
Vereinfacht:
Anteil einer Haushaltsgruppe an allen Haushalten
×
Anteil dieser Gruppe, der eine HUMA-Stufe erreicht
=
Beitrag dieser Gruppe zum Gesamtergebnis
Die Beiträge der einzelnen Gruppen werden anschließend zusammengeführt.
So entsteht unsere derzeitige Deutschlandtendenz:
- 80 % erreichen Grundlagen à 20 % erreichen Grundlagen nicht
- 65 % erreichen Teilhabe à 35 % erreichen Teilhabe nicht
- 55 % erreichen „Sicherheit“ à 45 % erreichen „„Sicherheit““ nicht
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht die Gewichtung:
Wenn Erwerbstätigenhaushalte einen großen Teil aller Haushalte ausmachen, beeinflusst ihre Deckungsquote das Gesamtergebnis entsprechend stärker als die Quote einer wesentlich kleineren Haushaltsgruppe.
Wir bilden also nicht einfach den Durchschnitt der vier Gruppen.
Die Berechnung basiert auf verfügbaren Haushalts- und Einkommensdaten und unseren HUMA-Warenkörben. Wo keine exakt passende Abgrenzung vorliegt, arbeiten wir mit Bandbreiten und vereinfachten Zuordnungen.
Deshalb kennzeichnen wir das Ergebnis ausdrücklich als:
🟡 HUMA-Modellrechnung
Es soll die Größenordnung und Verteilung sichtbar machen – nicht eine Genauigkeit vortäuschen, die die verfügbaren Daten derzeit nicht hergeben.
Haushalte sind nicht dasselbe wie Menschen
Die bisherige Gesamtrechnung beantwortet zunächst die Frage:
Welcher Anteil der Haushalte erreicht Grundlagen, Teilhabe und „„Sicherheit““?
Für die gesellschaftliche Wirkung brauchen wir aber noch eine zweite Perspektive:
Wie viele Menschen leben in diesen Haushalten?
Das ist nicht dasselbe.
Ein Singlehaushalt zählt als:
1 Haushalt · 1 Mensch
Eine vierköpfige Familie zählt ebenfalls als:
1 Haushalt · aber 4 Menschen
Deshalb können wir die Haushaltsquoten nicht einfach auf die Bevölkerung übertragen.
Ein einfaches Beispiel
Wenn eine Million Singlehaushalte die Grundlagen nicht erreichen, betrifft das:
1 Million Menschen.
Wenn dagegen eine Million vierköpfige Familienhaushalte die Grundlagen nicht erreichen, betrifft das:
4 Millionen Menschen.
In der Haushaltsstatistik hätten beide Gruppen dasselbe Gewicht.
Bei der Zahl der betroffenen Menschen wäre der Unterschied jedoch enorm.
Warum diese zweite Perspektive wichtig ist
Gerade bei Grundlagen und Teilhabe könnte die Personenperspektive ein anderes Bild ergeben als die reine Haushaltsbetrachtung.
Familien und Alleinerziehende bestehen aus mehreren Personen.
Wenn ein solcher Haushalt die Grundlagen oder Teilhabe nicht erreicht, betrifft die wirtschaftliche Einschränkung nicht nur einen Erwachsenen, sondern häufig auch Kinder.
Gleichzeitig gibt es einen wichtigen Gegeneffekt:
Alleinlebende stehen in unseren bisherigen Berechnungen ebenfalls besonders häufig unter wirtschaftlichem Druck.
Erste Schätzung: Wie viele Menschen erreichen die Stufen?
Im nächsten Schritt betrachten wir nicht mehr nur Haushalte, sondern die Menschen, die in diesen Haushalten leben.
Das ist wichtig, weil ein Haushalt unterschiedlich viele Personen umfassen kann.
Unsere erste Personengewichtung deutet auf folgende Größenordnung hin:
🟡 Erste HUMA-Schätzung
HUMA-Stufe | Haushalte erreichen | Menschen erreichen |
Grundlagen | ca. 80 % | ca. 75 % |
Teilhabe | ca. 65 % | ca. 62 % |
„Sicherheit“ | ca. 55 % | ca. 57 % |
Umgekehrt:
HUMA-Stufe | Haushalte erreichen sie nicht | Menschen erreichen sie nicht |
Grundlagen | ca. 20 % | ca. 25 % |
Teilhabe | ca. 35 % | ca. 38 % |
„Sicherheit“ | ca. 45 % | ca. 43 % |
Was fällt dabei auf?
Bei Grundlagen und Teilhabe liegt der Anteil der betroffenen Menschen nach unserer ersten Schätzung höher als der Anteil der betroffenen Haushalte.
Das ist plausibel, weil hinter einem Haushalt mehrere Menschen stehen können. Wenn beispielsweise eine Familie mit zwei Kindern die Grundlagen nicht erreicht, zählt sie als ein Haushalt, betroffen sind aber vier Menschen.
Bei der finanziellen Sicherheit zeigt sich dagegen ein leichter Gegeneffekt. Hier spielen unter anderem Alleinlebende eine größere Rolle, die in unseren bisherigen Berechnungen vergleichsweise häufig finanziell unter Druck stehen.
Wichtig: erste Schätzung, noch keine endgültige Personenrechnung
🟡 Diese Werte sind erste HUMA-Schätzwerte.
Sie zeigen eine plausible Größenordnung auf Grundlage unserer bisherigen Warenkorb-, Haushalts- und Lebenslagenrechnungen. Die endgültige Personengewichtung muss noch genauer nach Haushaltstyp, Haushaltsgröße und wirtschaftlicher Lebenslage berechnet werden.
Deshalb wollen wir derzeit nicht behaupten:
„Genau 25 % der Menschen erreichen die Grundlagen nicht.“
Unsere vorläufige Aussage lautet:
Unsere bisherigen Berechnungen deuten darauf hin, dass ungefähr ein Viertel der Menschen die HUMA-Grundlagen nicht vollständig erreicht und deutlich mehr als ein Drittel keine vollständige gesellschaftliche Teilhabe erreicht.
Was zeigt die Gesamtrechnung bereits?
Das Problem beginnt nicht erst bei Arbeitslosigkeit oder beim Bezug von Sozialleistungen.
Nach unserer Modellrechnung erreicht ungefähr jeder fünfte Haushalt nicht einmal vollständig die Grundlagen.
Ungefähr jeder dritte Haushalt erreicht keine vollständige gesellschaftliche Teilhabe.
Und ungefähr 45 % der Haushalte erreichen nicht die von uns definierte wirtschaftliche „Sicherheit“sstufe.
Damit liegt zwischen existenzieller Bedürftigkeit und wirtschaftlicher „Sicherheit“ ein großer gesellschaftlicher Bereich.
Menschen können arbeiten.
Sie können ihren Alltag grundsätzlich bewältigen.
Sie können oberhalb klassischer Sozialleistungsgrenzen liegen.
Und trotzdem kann der finanzielle Spielraum für gesellschaftliche Teilhabe, Rücklagen oder unerwartete Belastungen fehlen.
Genau diesen Bereich wollen wir mit:
Grundlagen · Teilhabe · „Sicherheit“
sichtbar machen.
Was sagt diese Rechnung – und was nicht?
🟡 HUMA-Modellrechnung
Unsere derzeitige Deutschlandtendenz auf Haushaltsebene lautet:
80 % · Grundlagen
65 % · Teilhabe
55 % · „Sicherheit“
beziehungsweise:
20 % · ohne Grundlagen
35 % · ohne Teilhabe
45 % · ohne „Sicherheit“
Diese Werte sind keine amtliche Statistik.
Sie beruhen auf unseren HUMA-Warenkörben, verfügbaren Haushalts- und Einkommensdaten und der bisherigen Modellierung unterschiedlicher wirtschaftlicher Lebenslagen.
Unterschiedliche Wohnkosten, Regionen, Vermögen, Haushaltszusammensetzungen und individuelle Lebenssituationen können die tatsächliche Situation eines einzelnen Haushalts erheblich verändern.
Für präzisere Werte benötigen wir später Mikrodaten.
Unser Ziel ist deshalb keine Scheingenauigkeit.
Wir wollen eine andere Frage sichtbar machen:
Wie viele Haushalte – und künftig wie viele Menschen – können sich mit ihrem tatsächlich verfügbaren Einkommen Grundlagen, gesellschaftliche Teilhabe und finanzielle „Sicherheit“ leisten?
Unser eigentlicher Befund
Die klassische Unterscheidung zwischen „arm“ und „nicht arm“ greift für diese Frage zu kurz.
Zwischen existenzieller Unterversorgung und wirtschaftlicher „Sicherheit“ liegt ein großer Bereich.
Deshalb wollen wir politische Maßnahmen künftig nicht nur danach beurteilen, ob Einkommen statistisch steigen.
Die entscheidende Frage lautet:
Erreichen dadurch mehr Menschen mit ihrem tatsächlichen Einkommen Grundlagen, Teilhabe und „Sicherheit“?
Und es wirft auch einen Blick auf die Rentendebatte:
„Wer private Altersvorsorge fordert, muss zuerst dafür sorgen, dass den Menschen am Monatsende überhaupt etwas zum Vorsorgen übrigbleibt.“
B Was verändert HUMA konkret
4 · Welche Haushalte stehen besonders unter Druck?
Der Durchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede.
Unsere bisherige Modellrechnung ergibt folgende Größenordnungen:
Haushaltstyp | unter Grundlagen | unter Sicherheit |
Alleinlebende | ca. 44–45 % | ca. 63 % |
Alleinerziehende | ca. 39 % | ca. 64 % |
Paare ohne Kinder | ca. 19–20 % | ca. 37 % |
Paare mit Kindern | ca. 15–16 % | ca. 33 % |
🟡 HUMA-Modellrechnung
Besonders auffällig sind damit Alleinlebende und Alleinerziehende.
Das deckt sich in der grundsätzlichen Risikorichtung mit der amtlichen Armutsstatistik – allerdings messen wir etwas anderes.
Die klassische Armutsgefährdungsquote fragt im Wesentlichen nach der Position eines Einkommens innerhalb der Einkommensverteilung.
HUMA fragt zusätzlich:
Welcher konkrete Lebensstandard lässt sich mit diesem Einkommen finanzieren?
Deshalb unterscheiden wir zwischen:
unter Grundlagen
Grundlagen
Teilhabe
Sicherheit.
Haushaltstyp ist nicht dasselbe wie Lebenslage
Dabei dürfen Gruppen nicht einfach addiert werden.
Ein Rentner kann Single oder Teil eines Paares sein.
Ein Student kann allein, in einer WG oder bei seinen Eltern leben.
Ein Auszubildender ebenfalls.
Deshalb unterscheiden wir:
Haushaltstyp
Alleinlebend · Paar ohne Kinder · Alleinerziehend · Paar mit Kindern · sonstiger Mehrpersonenhaushalt
und:
Lebenslage
erwerbstätig · arbeitslos · Rentner · Student · Auszubildender · weitere Nichterwerbstätige.
Langfristig wollen wir beide Dimensionen miteinander verbinden.
Dann können wir beispielsweise einen erwerbstätigen Single mit einem alleinlebenden Rentner oder Studenten vergleichen, ohne unterschiedliche Kategorien miteinander zu vermischen.
5 · Was könnte HUMA für konkrete Haushalte bedeuten?
Hier beginnen wir mit einer ersten Vorher-Nachher-Rechnung.
Dabei ist eine Einschränkung entscheidend.
Erste vorsichtige Modellrechnung
Die folgenden Werte sind keine Prognose.
Wir prüfen lediglich, ob die Größenordnung unserer bisher entwickelten Instrumente grundsätzlich geeignet sein könnte, die wirtschaftliche Situation normaler Haushalte spürbar zu verbessern.
Berücksichtigt werden bislang:
Einkommensteuerreform
Mehr Netto vom Brutto aus dem verbleibenden Spielraum des Produktivitätsbeitrags
Kaufkrafteffekt der Umsatzsteuerreform
Noch nicht berücksichtigt sind mögliche strukturelle Kostensenkungen durch Reformen bei:
Wohnen · Energie · Mobilität · Wettbewerb · Infrastruktur und weiteren Lebenshaltungskosten.
Diese Effekte werden vorläufig mit 0 € angesetzt.
Woher kommt „Mehr Netto vom Brutto“?
Unser aktuelles Produktivitätsbeitragsmodell ergibt ein modelliertes Aufkommen von:
- 58,6 Mrd. € jährlich
Davon sollen zunächst rund:
28 Mrd. €
zur Stabilisierung der Sozialversicherung verwendet werden.
Damit verbleibt zunächst ein maximaler rechnerischer Spielraum von:
- 30,6 Mrd. €
für Mehr Netto vom Brutto bei geringen und mittleren Erwerbseinkommen.
🟡 HUMA-Modellrechnung
Die endgültige Entlastungskurve ist noch nicht festgelegt.
Unsere Modellrechnung verwendet deshalb bewusst eine vorläufige, nach oben abschmelzende Entlastung.
Modellhaushalt 1 · Single
3.000 € brutto monatlich
Heute verbleiben überschlägig:
- 2.060 € netto
Unsere erste HUMA-Modellrechnung:
+ ca. 40 € Einkommensteuerentlastung
+ ca. 90 € Mehr Netto vom Brutto
+ ca. 20–30 € Kaufkraft durch die Umsatzsteuerreform
ergibt:
- 2.210–2.220 € reale monatliche Kaufkraft
Damit:
Heute | HUMA | |
reale Kaufkraft | ca. 2.060 € | ca. 2.210–2.220 € |
Grundlagen 1.800 € | ✓ | ✓ |
Teilhabe 2.180 € | ✗ | ✓ |
Sicherheit 2.350 € | ✗ | ✗ |
Ergebnis:
Grundlagen → Teilhabe
Der Abstand zur Sicherheit sinkt von rund 290 € auf ungefähr 130–140 € monatlich.
Modellhaushalt 2 · Paar ohne Kinder
zwei Erwerbstätige mit jeweils 2.000 € brutto
Heutiges Haushaltsnetto überschlägig:
- 2.960 €
Vorläufige HUMA-Schwellen:
Grundlagen: ca. 2.575 €
Teilhabe: ca. 3.110 €
Sicherheit: ca. 3.350 €
HUMA-Modell:
+ ca. 240 € Einkommensentlastung
+ ca. 30–40 € MwSt.-Kaufkraft
=
- 3.230–3.240 € reale Kaufkraft
Heute | HUMA | |
reale Kaufkraft | ca. 2.960 € | ca. 3.230–3.240 € |
Grundlagen | ✓ | ✓ |
Teilhabe | ✗ | ✓ |
Sicherheit | ✗ | ✗ |
Ergebnis:
Grundlagen → Teilhabe
Modellhaushalt 3 · Familie mit zwei Kindern
zwei Erwerbstätige mit jeweils 2.500 € brutto
Erwerbsnetto überschlägig:
- 3.550 €
plus Kindergeld:
518 €
ergibt:
- 4.068 € verfügbares Haushaltseinkommen
Heute erreicht dieser Modellhaushalt damit unsere Grundlagen, aber noch nicht die Teilhabeschwelle.
HUMA-Modell:
+ ca. 260 € Einkommensentlastung
+ ca. 50 € Kaufkraft aus der Umsatzsteuerreform
=
- 4.378 € reale Kaufkraft
Heute | HUMA | |
reale Kaufkraft | ca. 4.068 € | ca. 4.378 € |
Grundlagen 3.575 € | ✓ | ✓ |
Teilhabe 4.315 € | ✗ | ✓ |
Sicherheit 4.650–4.750 € | ✗ | ✗ |
Ergebnis:
Grundlagen → Teilhabe
Die reale Verbesserung beträgt in dieser ersten Modellrechnung rund:
310 € monatlich
oder:
3.720 € jährlich.
Modellhaushalt 4 · Alleinerziehend mit einem Kind
Hier wird sichtbar, wo unsere bisherige Rechnung an Grenzen stößt.
Modell:
ein Elternteil
ein Kind
2.500 € brutto Erwerbseinkommen
Erwerbsnetto überschlägig:
- 1.850 €
plus Kindergeld:
259 €
ergibt zunächst:
- 2.109 €
Noch nicht berücksichtigt sind beispielsweise:
Unterhalt
Unterhaltsvorschuss
Wohngeld
Kinderzuschlag
und weitere mögliche Leistungen.
Deshalb dürfen wir diesen Wert nicht mit dem tatsächlich verfügbaren Einkommen aller Alleinerziehenden gleichsetzen.
Unsere vorläufige Grundlagen-Schwelle liegt für diesen Modellhaushalt bei ungefähr:
2.270 €
HUMA-Einkommenseffekt:
- +130 €
MwSt.-Kaufkrafteffekt:
- +25–35 €
Damit ergibt sich – vor weiteren Transfers – ungefähr:
2.264–2.274 €
Dieser Haushalt würde also allein durch die bisher modellierten HUMA-Instrumente ungefähr an die Grundlagen-Schwelle gelangen.
Aber:
Hier wäre ein Stufenwechsel noch nicht seriös zu behaupten.
Denn gerade bei Alleinerziehenden spielen Unterhalt, Wohnkosten und Transferleistungen eine erhebliche Rolle.
Und genau daraus lernen wir etwas:
Mehr Netto vom Brutto allein reicht bei besonderen Belastungssituationen nicht aus. Hier bleibt eine gezielte und gleitend ausgestaltete soziale Absicherung notwendig.
Vier Haushalte im Vergleich
Modellhaushalt | Heute | HUMA – erste Modellrechnung |
Single · 3.000 € brutto | Grundlagen | Teilhabe |
Paar · 2 × 2.000 € brutto | Grundlagen | Teilhabe |
Paar + 2 Kinder · 2 × 2.500 € brutto | Grundlagen | Teilhabe |
Alleinerziehend + 1 Kind · 2.500 € brutto | unter/nahe Grundlagen* | etwa Grundlagen* |
*ohne vollständige Berücksichtigung möglicher Transfers und Unterhaltszahlungen.
Das ist keine Wirkungsprognose.
Aber es zeigt:
Die Größenordnung unserer bisher entwickelten Instrumente ist groß genug, um bei Haushalten nahe einer Schwelle tatsächlich einen Unterschied zwischen Grundlagen, Teilhabe und Sicherheit machen zu können.
6 · Was ist Zeit wert – und wie viel Erwerbsarbeit braucht ein bezahlbares Leben?
Unsere Warenkörbe beantworten zunächst eine finanzielle Frage:
Wie viel Einkommen benötigt ein Haushalt, um Grundlagen, gesellschaftliche Teilhabe und ein Mindestmaß an Sicherheit finanzieren zu können?
Damit ist aber noch nicht beantwortet, wie viel Erwerbsarbeit notwendig ist, um dieses Einkommen zu erzielen.
Genau diese zweite Frage gehört ebenfalls zu einem bezahlbaren Leben.
Einkommen und Zeit hängen zusammen
Ein Haushalt kann rechnerisch über genügend Einkommen verfügen und trotzdem unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen.
Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein angemessener Lebensstandard nur erreicht werden kann, wenn beide Erwachsenen dauerhaft möglichst umfangreich erwerbstätig sind.
Denn Erwerbsarbeit benötigt Zeit.
Gleichzeitig benötigen auch viele andere notwendige Tätigkeiten Zeit:
Kinderbetreuung
Kochen und Einkaufen
Haushalt und Wäsche
Pflege von Angehörigen
Behördengänge und Organisation
Instandhaltung von Wohnung und Garten
Nachbarschaft und Ehrenamt
Erholung und persönliche Interessen
Diese Tätigkeiten verschwinden nicht dadurch, dass die Erwerbsarbeitszeit steigt.
Sie werden lediglich in die verbleibende Zeit verschoben, an andere Personen übertragen oder als bezahlte Dienstleistung eingekauft.
Deshalb reicht der Warenkorb allein nicht aus
Der HUMA-Warenkorb betrachtet, welche materiellen Mittel ein Haushalt für ein angemessenes Leben benötigt.
Die nächste Prüffrage lautet deshalb:
Wie viele Arbeitsstunden sind notwendig, um diesen Warenkorb finanzieren zu können?
Vereinfacht können wir dafür betrachten:
notwendiges Haushaltsnettoeinkommen
geteilt durch
erreichbares Netto je Erwerbsstunde
ergibt den Umfang der Erwerbsarbeit, der zur Finanzierung des Lebensstandards notwendig ist.
Damit entsteht neben dem Warenkorb eine zweite Prüfgröße:
Wie viel Lebenszeit muss ein Haushalt einsetzen, um seinen notwendigen Lebensstandard finanzieren zu können?
Eine vierköpfige Familie ist dafür eine wichtige Prüfgröße
Gerade Familien zeigen das Problem besonders deutlich.
Kinder erhöhen einerseits den finanziellen Bedarf.
Gleichzeitig benötigen Betreuung, Erziehung und Organisation zusätzliche Zeit.
Mehr Erwerbsarbeit kann das Einkommen erhöhen – reduziert aber gleichzeitig die Zeit, die innerhalb der Familie zur Verfügung steht.
Deshalb reicht die Aussage:
„Beide Eltern können arbeiten.“
für eine Wohlstandsanalyse nicht aus.
Wir müssen zusätzlich fragen:
Müssen beide Eltern möglichst umfangreich arbeiten, damit der Haushalt überhaupt einen angemessenen Lebensstandard erreicht?
Wenn das dauerhaft notwendig ist, besteht wirtschaftlich nur begrenzte Wahlfreiheit.
HUMA gibt kein Familienmodell vor
Daraus folgt ausdrücklich nicht, dass ein Elternteil zu Hause bleiben soll.
Eine Familie kann sich bewusst für zwei Vollzeitstellen und umfangreiche Betreuung entscheiden.
Eine andere Familie möchte möglicherweise Erwerbsarbeit anders verteilen.
Andere Menschen haben keine Kinder, übernehmen Pflegeaufgaben oder möchten einen größeren Teil ihrer Zeit für Ehrenamt, Nachbarschaft oder andere Tätigkeiten einsetzen.
Die Aufgabe des Staates besteht nicht darin, eine dieser Entscheidungen vorzuschreiben.
Das Ziel lautet vielmehr:
wirtschaftliche Wahlfreiheit ermöglichen.
Deshalb betrachten wir drei Größen gemeinsam
Für HUMA gehören künftig drei Fragen zusammen:
1 · Was kostet ein angemessenes Leben?
Das beantworten unsere Warenkörbe.
2 · Wie viel verfügbares Einkommen entsteht aus Erwerbsarbeit?
Hier wirken Löhne, Einkommensteuer, Sozialabgaben, Produktivitätsbeitrag und „Mehr Netto vom Brutto“.
3 · Wie viel Erwerbszeit ist notwendig, um den benötigten Lebensstandard zu erreichen?
Erst die Verbindung dieser drei Größen zeigt, wie groß die tatsächliche wirtschaftliche Freiheit eines Haushalts ist.
Produktivitätsfortschritt bekommt damit eine weitere Aufgabe
Wenn eine Volkswirtschaft produktiver wird, entsteht zusätzlicher wirtschaftlicher Spielraum.
Dieser kann unterschiedlich genutzt werden:
für höhere Einkommen, bessere soziale Sicherung, öffentliche Leistungen, Investitionen – aber langfristig auch für mehr verfügbare Zeit.
Das bedeutet nicht automatisch eine staatlich festgelegte kürzere Arbeitswoche.
Es bedeutet vielmehr:
Produktivitätsfortschritt sollte dazu beitragen, dass Menschen nicht immer mehr Erwerbsarbeit leisten müssen, nur um einen angemessenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten.
Steigende Produktivität soll deshalb nicht ausschließlich in mehr Produktion münden.
Ein Teil des Fortschritts kann sich auch darin zeigen, dass Menschen mehr Freiheit darüber gewinnen, wie sie ihre Zeit zwischen Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen verteilen.
Was wir noch berechnen müssen
Dieser Teil des HUMA-Modells ist noch nicht vollständig durchgerechnet.
Wir haben bereits Warenkörbe für unterschiedliche Haushalte entwickelt und untersuchen die Wirkung von Einkommen, Abgaben und Entlastungen.
Was noch fehlt, ist eine systematische Zeit-Einkommens-Rechnung.
Sie soll beispielsweise zeigen:
Wie viele Erwerbsstunden benötigt ein Single?
Wie verändert sich die Rechnung bei einer vierköpfigen Familie?
Was passiert bei zwei Vollzeitstellen?
Was bei Vollzeit plus Teilzeit?
Welche Wirkung hat „Mehr Netto vom Brutto“?
Und ab welchem Einkommen entsteht tatsächlich Wahlfreiheit statt bloßer finanzieller Notwendigkeit?
Diese Rechnung gehört deshalb bewusst in die HUMA-Werkstatt.
Ein bezahlbares Leben ist erst dann wirklich bezahlbar, wenn nicht nur genügend Geld, sondern auch genügend Zeit zum Leben bleibt.
7 · Welche Rolle spielt die Mehrwertsteuer?
Ein Teil der Verbesserung entsteht nicht durch höheres Nettoeinkommen, sondern durch niedrigere Preise der Grundversorgung.
Unser HUMA-Modell unterscheidet:
0 %
auf klar definierte Grundversorgung
7 %
für bestimmte gesellschaftlich sinnvolle Bereiche, beispielsweise ausgewählte Bildungs-, Teilhabe- oder Reparaturleistungen
20 %
normaler Konsum.
🟡 HUMA-Modell
Die Gesamtumstellung soll möglichst aufkommensneutral erfolgen.
Wie groß ist der Effekt?
Bei einem heute mit 7 % besteuerten Produkt bedeutet der Wechsel auf 0 % bei vollständiger Weitergabe:
107 € → 100 €
Das entspricht einer Preissenkung von:
6,54 %
des bisherigen Bruttopreises.
Bei einem heute mit 19 % besteuerten normalen Konsumgut bedeutet die Erhöhung auf 20 %:
119 € → 120 €
also lediglich:
0,84 %
mehr.
Der Effekt ist damit bewusst asymmetrisch:
Notwendige Grundversorgung wird deutlich entlastet, während normaler Konsum nur geringfügig stärker belastet wird.
Erste Größenordnung
Unsere bisherigen Warenkorbrechnungen ergeben ungefähr:
Single
- 20–30 € monatliche Kaufkraftverbesserung
vierköpfige Familie
- 50 € monatliche Kaufkraftverbesserung
🟡 Erste Modellwerte
Die tatsächliche Wirkung hängt davon ab, welche Güter endgültig zur Grundversorgung gehören und wie vollständig die Steuersenkung in niedrigeren Verbraucherpreisen ankommt.
Deshalb muss die Preisentwicklung nach Einführung beobachtet werden.
8 · Was bleibt von 100 € zusätzlicher Arbeit?
Ein bezahlbares Leben hängt nicht nur davon ab, wie viel Menschen heute verdienen.
Entscheidend ist auch:
Verbessert zusätzliche Arbeit ihre wirtschaftliche Situation tatsächlich?
Heute wirken auf zusätzliches Einkommen gleichzeitig:
Einkommensteuer
Sozialabgaben
und möglicherweise:
wegfallende Transferleistungen.
Deshalb wollen wir künftig für verschiedene Haushalte rechnen:
+100 € zusätzliches Brutto
− zusätzliche Einkommensteuer
− zusätzliche Sozialabgaben
− wegfallende Transfers
=
tatsächlich zusätzlich verfügbares Einkommen.
Die entscheidende Kennzahl ist die:
effektive Grenzbelastung.
Unser Grundsatz lautet:
Jeder Fortschritt muss sich lohnen.
Wer mehr arbeitet, sich qualifiziert oder beruflich aufsteigt, muss dadurch tatsächlich mehr finanziellen Handlungsspielraum erhalten.
Wie sollen Transfers auslaufen?
Nicht:
Einkommensgrenze überschritten
↓
Leistung fällt abrupt weg.
Sondern:
Einkommen steigt
↓
Unterstützungsbedarf sinkt
↓
Transferleistung sinkt schrittweise
↓
verfügbares Haushaltseinkommen steigt trotzdem.
🔴 Die vollständige Grenzbelastungsmatrix nach Einkommen und Haushaltstyp ist noch nicht abgeschlossen.
Sie gehört zu den nächsten zentralen HUMA-Rechnungen.
9 · Was machen andere Länder?
Ein bezahlbares Leben hängt nicht allein von der Höhe des Bruttolohns ab.
Entscheidend ist das Zusammenspiel aus:
Einkommen
Steuern
Sozialabgaben
Transfers
Wohn- und Lebenshaltungskosten
und der Frage, wie schnell Unterstützungsleistungen bei steigendem Einkommen wieder entfallen.
Der internationale Vergleich zeigt deshalb vor allem eines:
Es gibt nicht das eine Land mit der perfekten Lösung. Unterschiedliche Systeme lösen einzelne Probleme besser – und erzeugen an anderer Stelle neue Schwierigkeiten.
🟢 Niederlande – hohe materielle Sicherheit, aber komplizierte Übergänge
Bei der Fähigkeit, unerwartete finanzielle Ausgaben zu bewältigen, schneiden die Niederlande im europäischen Vergleich sehr gut ab.
2024 konnten dort rund 16,9 % der Bevölkerung eine unerwartete finanzielle Ausgabe nicht aus eigenen Mitteln bewältigen.
In Deutschland waren es rund 33,5 %.
Der EU-Durchschnitt lag bei 30,0 %.
Das ist für HUMA besonders interessant, weil unsere Stufe Sicherheit genau diese wirtschaftliche Belastbarkeit eines Haushalts abbilden soll.
Was funktioniert?
Ein vergleichsweise großer Teil der Bevölkerung verfügt über genügend wirtschaftlichen Spielraum, um unerwartete Belastungen aufzufangen.
Wo liegt die Grenze?
Das niederländische Steuer- und Transfersystem zeigt zugleich ein Problem einkommensabhängiger Unterstützung.
Die OECD weist darauf hin, dass das Auslaufen einkommensabhängiger Steuervergünstigungen und Transfers die Grenzbelastung erhöhen kann. Bei Familien kann dadurch von zusätzlichem Einkommen deutlich weniger übrig bleiben.
Was übernimmt HUMA daraus?
Nicht das niederländische Transfersystem.
Interessant ist vielmehr der Erfolgsmaßstab:
Wie viele Haushalte verfügen tatsächlich über genügend finanzielle Reserve, um unerwartete Ausgaben bewältigen zu können?
Genau dafür entwickelt HUMA seine Sicherheits-Deckungsquote.
Gleichzeitig wollen wir Transferentzugsraten so gestalten, dass zusätzlicher Verdienst das verfügbare Einkommen immer erhöht.
🟢 Dänemark – starke soziale Absicherung kann trotzdem Erwerbsfallen erzeugen
Dänemark verbindet eine vergleichsweise starke soziale Absicherung mit hoher Erwerbsbeteiligung.
Doch auch dieses System zeigt ein Problem, das für HUMA besonders wichtig ist.
Die OECD beschreibt das dänische Transfersystem als großzügig, aber komplex. Mehrere Leistungen sind einkommensabhängig. Bei einzelnen Leistungen können sehr hohe Entzugsraten entstehen.
Dadurch können gerade Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen bei zusätzlicher Arbeit einen erheblichen Teil ihres zusätzlichen Verdienstes wieder verlieren.
Was funktioniert?
Der Sozialstaat kann materielle Risiken stark abfedern.
Wo liegt die Grenze?
Eine hohe Leistung allein garantiert noch keine gute Anreizstruktur.
Wenn gleichzeitig Steuern steigen und Transfers sinken, kann zusätzliche Arbeit wirtschaftlich überraschend wenig bringen.
Was übernimmt HUMA daraus?
Genau deshalb betrachten wir nicht nur die Höhe einer Sozialleistung.
Wir berechnen:
zusätzliches Einkommen
− zusätzliche Steuern
− zusätzliche Sozialabgaben
− wegfallende Transfers
tatsächlich zusätzlich verfügbares Einkommen
Unser Grundsatz bleibt:
Jeder Fortschritt muss sich lohnen.
🟢 OECD-Vergleich – Deutschland belastet Arbeit vergleichsweise stark
Der internationale Vergleich zeigt außerdem, warum HUMA Steuern und Sozialabgaben nicht getrennt voneinander betrachten will.
Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener ohne Kinder lag der sogenannte Steuer- und Abgabenkeil in Deutschland 2025 bei rund 49,3 % der Arbeitskosten.
Der OECD-Durchschnitt lag bei 35,1 %.
Deutschland gehörte damit erneut zu den Ländern mit der höchsten Belastung von Arbeit innerhalb der OECD.
Das bedeutet nicht, dass diese Differenz einfach vollständig als zusätzliche Belastung des Arbeitnehmers verstanden werden kann. In der Kennzahl sind auch Arbeitgeberbeiträge enthalten.
Sie zeigt aber ein strukturelles Problem:
Ein erheblicher Abstand besteht zwischen dem, was Arbeit insgesamt kostet, und dem, was beim Arbeitnehmer als verfügbares Einkommen ankommt.
Was funktioniert in anderen Ländern?
Die Belastung von Arbeit ist international sehr unterschiedlich verteilt.
Es gibt jedoch kein einfaches Muster, das Deutschland nur kopieren müsste.
Niedrigere Abgaben können beispielsweise mit anderen Steuerarten, geringeren Leistungen oder anderen Finanzierungswegen verbunden sein.
Was übernimmt HUMA daraus?
Nicht:
Deutschland muss einfach seine Abgaben auf den OECD-Durchschnitt senken.
Sondern:
Wir müssen untersuchen, wie soziale Sicherheit finanziert werden kann, ohne menschliche Arbeit immer stärker zum zentralen Finanzierungsträger zu machen.
Hier liegt die Verbindung zum HUMA-Produktivitätsbeitrag und zu unserem Ansatz Mehr Netto vom Brutto.
🟢 Internationale Erfahrung – Transfers müssen gemeinsam mit Steuern betrachtet werden
Ein besonders wichtiger Befund des OECD-Vergleichs betrifft einkommensabhängige Leistungen.
Wenn eine Leistung mit steigendem Einkommen ausläuft, entsteht eine zusätzliche Belastung.
Dann wirken gleichzeitig:
Steuern
- Sozialabgaben
- Transferentzug.
Die OECD zeigt für verschiedene Länder erhebliche Unterschiede bei diesen effektiven Grenzbelastungen.
Das bestätigt einen zentralen Gedanken unseres bisherigen HUMA-Modells:
Eine Sozialleistung kann für sich betrachtet sinnvoll ausgestaltet sein – und trotzdem im Zusammenspiel mit anderen Leistungen problematische Wirkungen erzeugen.
Deshalb reicht es nicht, jede Leistung einzeln zu überprüfen.
Wir müssen das gesamte verfügbare Haushaltseinkommen betrachten.
Was übernimmt HUMA aus dem Ländervergleich?
Kein untersuchtes Land liefert die fertige Lösung.
Aber aus dem Vergleich ergeben sich vier wichtige Erkenntnisse:
Niederlande
→ wirtschaftliche Sicherheit nicht nur über Einkommen, sondern auch über die Fähigkeit messen, unerwartete Ausgaben bewältigen zu können.
Dänemark
→ starke soziale Absicherung schützt, kann bei ungünstigem Transferentzug aber trotzdem Erwerbsfallen erzeugen.
OECD-Vergleich
→ Deutschland belastet menschliche Arbeit im internationalen Vergleich stark.
Internationale Transfersysteme
→ Steuern, Sozialabgaben und wegfallende Leistungen müssen gemeinsam betrachtet werden.
Daraus folgt für HUMA:
Nicht die Höhe einer einzelnen Leistung entscheidet darüber, ob ein Haushalt wirtschaftlich vorankommt. Entscheidend ist, was nach Steuern, Sozialabgaben, Transfers und notwendigen Lebenshaltungskosten tatsächlich übrig bleibt.
Genau deshalb verbindet HUMA:
Warenkorb
↓
Grundlagen · Teilhabe · Sicherheit
↓
verfügbares Haushaltseinkommen
↓
effektive Grenzbelastung
↓
Deckungsquote
↓
Wirkungsprüfung
So können wir später nicht nur fragen:
„Wie hoch ist das Einkommen?“
sondern:
„Welche tatsächlichen Lebensmöglichkeiten entstehen daraus?“
C Wen erreichen unsere Instrumente?
10 Studierende, Auszubildende und Rentner – wie sieht die Realität heute aus?
Nicht jede Lebenslage lässt sich mit unserer bisherigen Arbeitnehmerrechnung untersuchen.
Studierende, Auszubildende und Rentner benötigen deshalb eine eigene Betrachtung.
Dabei unterscheiden wir bewusst zwischen Haushaltstyp und Lebenslage.
Ein Student kann allein, in einer Wohngemeinschaft oder bei seinen Eltern leben. Ein Rentner kann allein oder als Paar leben. Ein Auszubildender kann einen eigenen Haushalt führen oder noch im Elternhaus wohnen.
Studierende, Auszubildende und Rentner dürfen deshalb nicht einfach zusätzlich zu Singles, Paaren und Familien gezählt werden.
Trotzdem können wir schon heute untersuchen, wie ihre tatsächlichen Einkommen zu unseren Vorstellungen von Grundlagen, Teilhabe und Sicherheit passen.
Studierende
Bei Studierenden mit eigener Haushaltsführung zeigt sich eine besonders angespannte Situation.
Amtliche Daten für 2025 zeigen:
963 € monatlich
betrug das mittlere verfügbare Einkommen von Studierenden mit eigener Haushaltsführung.
Das bedeutet:
Die Hälfte verfügte über weniger als 963 € im Monat.
Gleichzeitig gingen durchschnittlich rund:
54 % des verfügbaren Einkommens für Wohnkosten
drauf.
Knapp zwei Drittel dieser Studierendenhaushalte galten nach amtlicher Definition als durch Wohnkosten überbelastet.
Das ist für unsere HUMA-Frage ausgesprochen relevant.
Unser bisheriger Single-Warenkorb für einen normalen eigenständigen Haushalt liegt bei:
Grundlagen: ca. 1.800 €
Teilhabe: ca. 2.180 €
Sicherheit: ca. 2.350 €
Ein studentischer Warenkorb wird davon abweichen – beispielsweise bei Vorsorge, Mobilität oder bestimmten Lebenshaltungskosten.
Aber selbst wenn wir für Studierende einen deutlich niedrigeren Warenkorb ansetzen, zeigt ein mittleres verfügbares Einkommen von 963 €, wie groß die wirtschaftliche Enge vieler Studierender mit eigenem Haushalt ist.
Deshalb lautet eine unserer Prüfungsfragen:
Ist ein eigenständiges Studium tatsächlich finanzierbar – oder hängt diese Möglichkeit wesentlich davon ab, ob Eltern zusätzlich unterstützen können?
Unser Grundsatz:
Der Zugang zu Bildung darf nicht vom Einkommen der Eltern abhängen.
Auszubildende
Auch Auszubildende befinden sich in einer besonderen Situation.
2024 gab es rund:
1,218 Millionen Auszubildende in dualer Ausbildung.
Für Auszubildende mit eigener Haushaltsführung lag das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen in den von uns ausgewerteten EU-SILC-Daten 2024 bei ungefähr:
1.278 € monatlich.
Auch hier gilt:
Das lässt sich nicht unmittelbar mit unserem normalen Single-Warenkorb vergleichen.
Ein Auszubildender hat andere Anforderungen und kann beispielsweise Anspruch auf zusätzliche Leistungen haben. Außerdem unterscheiden sich Ausbildungsvergütungen erheblich.
Die Größenordnung zeigt aber:
Ein eigenständiger Haushalt während der Ausbildung kann wirtschaftlich sehr eng sein.
Deshalb müssen wir künftig gemeinsam betrachten:
Ausbildungsvergütung
Kindergeld
mögliche Unterstützungsleistungen
Wohnkosten
notwendige Mobilität
und gegebenenfalls:
zusätzliche Erwerbsarbeit.
Gerade im ländlichen Raum kann beispielsweise notwendige individuelle Mobilität einen erheblichen Unterschied machen.
Die entscheidende HUMA-Frage lautet:
Kann ein junger Mensch von einer regulären Ausbildung angemessen leben – oder benötigt er dafür dauerhaft Unterstützung der Eltern oder des Staates?
Rentnerinnen und Rentner
Bei Rentnern ist die Situation nochmals anders.
Hier können wir nicht einfach unsere Arbeitnehmerrechnung anwenden.
Entscheidend sind:
gesetzliche Rente
weitere Alterseinkünfte
Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge
Wohnkosten
mögliche Grundsicherung
und die jeweilige Haushaltsform.
Aber auch hier zeigen die amtlichen Daten bereits ein Problem.
2025 waren rund:
19,1 % der Personen im Ruhestand armutsgefährdet.
Das liegt über dem damaligen Bevölkerungsdurchschnitt.
Für HUMA ist allerdings auch diese Zahl nur der Anfang der Untersuchung.
Denn unsere Frage lautet nicht lediglich:
Liegt ein Rentner oberhalb der statistischen Armutsgefährdungsgrenze?
Sondern:
Reicht das Alterseinkommen für die Grundlagen?
Ist gesellschaftliche Teilhabe möglich?
Bleibt genügend Sicherheit für unerwartete Ausgaben?
Gerade im Alter ist diese letzte Frage wichtig.
Eine unerwartete größere Ausgabe kann kaum noch durch zusätzliche Erwerbsarbeit oder einen späteren beruflichen Aufstieg ausgeglichen werden.
Deshalb müssen wir für Rentner einen eigenen altersgerechten HUMA-Warenkorb entwickeln.
Was wir bereits sehen – und was noch fehlt
Die vorhandenen Daten zeigen schon heute:
Lebenslage | bisheriger realer Befund |
Studierende mit eigenem Haushalt | Median verfügbares Einkommen 2025 ca. 963 €/Monat; durchschnittlich ca. 54 % Wohnkostenanteil |
Auszubildende mit eigenem Haushalt | Median-Nettoäquivalenzeinkommen 2024 ca. 1.278 €/Monat |
Personen im Ruhestand | 2025 ca. 19,1 % armutsgefährdet |
🟢 Amtliche Ausgangsdaten
Diese Zahlen sind noch keine HUMA-Deckungsquoten.
Sie zeigen aber, warum wir diese Lebenslagen getrennt untersuchen müssen.
Bei Studierenden und Auszubildenden deutet die Einkommenshöhe bereits darauf hin, dass ein eigenständiger Haushalt häufig erheblich unter dem finanziellen Niveau eines normalen Singlehaushalts liegt.
Bei Rentnern zeigt die hohe Armutsgefährdungsquote, dass ein erheblicher Teil schon an der klassischen Einkommensgrenze Schwierigkeiten hat.
Der nächste Rechenschritt
🔴 Noch fehlen für diese drei Gruppen vollständige HUMA-Verteilungen nach:
unter Grundlagen
Grundlagen erreicht
Teilhabe erreicht
Sicherheit erreicht
Dafür benötigen wir jeweils einen eigenen Warenkorb und müssen gleichzeitig die Haushaltsform berücksichtigen.
Ein alleinlebender Rentner darf beispielsweise nicht mit einem Rentnerpaar gleichgesetzt werden.
Ein Student im Elternhaus nicht mit einem Studenten mit eigener Wohnung.
Ein Auszubildender mit 15 Minuten Fußweg zum Betrieb nicht mit einem Auszubildenden im ländlichen Raum, der ein eigenes Auto benötigt.
Erst dann können wir seriös berechnen:
Wie viele Studierende, Auszubildende und Rentner erreichen tatsächlich Grundlagen, Teilhabe und Sicherheit?
11 · Die HUMA-Deckungsquote
Aus den Warenkörben entsteht eine neue Kennzahl.
Grundlagen-Deckungsquote
Welcher Anteil erreicht mindestens die Grundlagen?
Teilhabe-Deckungsquote
Welcher Anteil kann zusätzlich normal am gesellschaftlichen Leben teilnehmen?
Sicherheits-Deckungsquote
Welcher Anteil besitzt darüber hinaus genügend Spielraum für Rücklagen und unerwartete Ausgaben?
Damit können wir politische Reformen später nicht nur danach beurteilen, wie viele Milliarden Euro sie kosten.
Wir können fragen:
Wie viele Menschen wechseln dadurch tatsächlich von einer Lebensstandard-Stufe in die nächste?
Aber eine Schwelle allein reicht nicht
Ein Haushalt mit 2 € oberhalb der Sicherheitsschwelle ist wirtschaftlich nicht plötzlich genauso stabil wie ein Haushalt mit 1.000 € zusätzlichem Spielraum.
Deshalb betrachten wir zusätzlich die finanzielle Enge.
Beispielsweise:
unter 100 % des Referenzwarenkorbs
→ Unterdeckung
100–110 %
→ sehr geringe Reserve
110–125 %
→ begrenzter Spielraum
über 125 %
→ größerer finanzieller Spielraum.
Damit unterscheiden wir zwischen:
„Schwelle gerade erreicht“ und „wirtschaftlich wirklich belastbar“.
Wie viele Haushalte leben materiell weitgehend sorgenfrei?
Mit der Sicherheitsschwelle endet unsere Untersuchung deshalb nicht.
Nach unserer bisherigen Gesamtrechnung erreichen rund:
55 % der Haushalte
mindestens die HUMA-Stufe der finanziellen Sicherheit.
Doch diese 55 % bilden keine einheitliche Gruppe.
Ein Haushalt, der die Sicherheitsschwelle gerade erreicht, kann Rücklagen bilden und unerwartete Ausgaben auffangen. Er muss mit seinem Geld aber weiterhin bewusst umgehen.
Ein anderer Haushalt verfügt nach Finanzierung von Grundlagen, gesellschaftlicher Teilhabe, Rücklagen und Vorsorge noch über einen erheblichen zusätzlichen finanziellen Spielraum.
Deshalb wollen wir künftig auch untersuchen:
Wie viele Haushalte sind nicht nur finanziell sicher, sondern leben materiell weitgehend sorgenfrei?
🟡 Eine erste HUMA-Prüfgrenze
Als vorläufige Prüfgrenze untersuchen wir:
125 % des vollständigen HUMA-Referenzwarenkorbs.
Das bedeutet:
Der Haushalt kann Grundlagen, normale gesellschaftliche Teilhabe, begrenzte Vorsorge und Rücklagen finanzieren und verfügt darüber hinaus noch über einen erheblichen zusätzlichen finanziellen Spielraum.
Bei unseren bisherigen Referenzhaushalten entspräche das ungefähr:
Haushalt | Finanzielle Sicherheit | 125-%-Prüfgrenze |
Single | ca. 2.350 € | ca. 2.940 € |
Familie mit zwei Kindern | ca. 4.650–4.750 € | ca. 5.810–5.940 € |
🟡 Diese 125-%-Grenze ist eine HUMA-Arbeitshypothese.
Sie ist keine amtliche Definition von Wohlstand oder Sorgenfreiheit und muss noch überprüft werden.
Was bedeutet „materiell weitgehend sorgenfrei“?
Damit meinen wir ausdrücklich nicht:
Luxus, unbegrenzten Konsum oder die Möglichkeit, jede beliebige Ausgabe problemlos bezahlen zu können.
Gemeint ist:
Normale materielle Belastungen des Alltags führen nicht mehr regelmäßig zu finanziellen Sorgen oder grundlegenden Abwägungen.
Eine größere Reparatur, eine notwendige Anschaffung oder eine vorübergehend höhere Rechnung kann getragen werden, ohne dass dadurch die normale Lebensführung infrage gestellt wird.
🔴 Wie viele Haushalte erreichen diese Grenze?
Das ist noch offen.
Unsere bisherige Modellrechnung zeigt:
55 % erreichen mindestens finanzielle Sicherheit.
Nun wollen wir diese Gruppe genauer untersuchen:
100–110 %
→ Sicherheit gerade erreicht
110–125 %
→ zunehmender finanzieller Spielraum
über 125 %
→ Prüfbereich „materiell weitgehend sorgenfrei“
Wie groß diese Gruppen tatsächlich sind, soll anhand der Einkommensverteilung verschiedener Haushaltstypen berechnet werden.
Wir veröffentlichen deshalb an dieser Stelle bewusst noch keinen geschätzten Prozentwert.
12 · Was ist noch nicht eingerechnet?
Dieser Punkt ist für die Bewertung unserer bisherigen Modellrechnungen entscheidend.
Wir haben bisher bewusst keine finanziellen Verbesserungen angesetzt für mögliche HUMA-Reformen bei:
Wohnen
Bodenpolitik, Baukosten, Standards, Verfahren und neue Wohnmodelle könnten langfristig Wohnkosten beeinflussen.
Angesetzter Effekt bisher: 0 €
Energie
Effizienz, Erzeugung, Netze und Systemkosten können die Belastung der Haushalte verändern.
Angesetzter Effekt bisher: 0 €
Mobilität
Infrastruktur, öffentlicher Verkehr, Fahrzeugkosten und regionale Mobilitätsabhängigkeit können verändert werden.
Angesetzter Effekt bisher: 0 €
Wettbewerb und Marktmacht
Mehr Wettbewerb und geringere Marktmacht können Preisbildung beeinflussen.
Angesetzter Effekt bisher: 0 €
Langlebigkeit und Reparierbarkeit
Produkte, die länger halten und besser repariert werden können, können langfristig Haushaltskosten reduzieren.
Angesetzter Effekt bisher: 0 €
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass wir behaupten, diese Reformen würden zwangsläufig große Kostensenkungen erzeugen.
Es bedeutet:
Wir schreiben ihnen in unserer ersten Modellrechnung noch keinen finanziellen Vorteil gut.
Der einzige bislang berücksichtigte Kosteneffekt ist die konkretisierte HUMA-Umsatzsteuerreform.
Damit bleibt die Vorher-Nachher-Rechnung bewusst vorsichtig.
D Wie belastbar ist die Rechnung?
13 · Wo liegen die Grenzen unserer bisherigen Rechnung?
Wir wollen keine Scheingenauigkeit erzeugen.
Deshalb benennen wir offen, was noch fehlt.
1 · Mikrodaten
Unsere bisherigen Bevölkerungsanteile beruhen teilweise auf einer Modellierung zwischen Einkommensquartilen.
Für endgültige Prozentwerte benötigen wir Mikrodaten.
2 · Vollständige Warenkörbe
Single und vierköpfige Familie sind relativ weit entwickelt.
Weitere Haushaltstypen müssen noch detaillierter geprüft werden.
3 · Einkommensteuer
Die Entlastungsrichtung ist festgelegt.
Der endgültige HUMA-Steuertarif muss aber noch vollständig kalibriert werden.
4 · Mehr Netto vom Brutto
Der maximale anfängliche Finanzierungsspielraum ist modelliert.
Die genaue Entlastungskurve nach Einkommen muss noch so berechnet werden, dass sie diesen Rahmen sicher einhält.
5 · Transfers
Wohngeld, Kinderzuschlag, Unterhalt, Basissicherung und weitere Leistungen müssen in die Haushaltsrechnung integriert werden.
6 · Lebenshaltungskosten
Strukturelle Auswirkungen unserer Reformen auf Wohnen, Energie und Mobilität sind noch nicht quantifiziert.
7 · Verhaltenseffekte
Menschen, Unternehmen und Märkte reagieren auf neue Regeln.
Auch diese Wirkungen müssen später berücksichtigt werden.
Eine Modellrechnung wird nicht glaubwürdiger, indem man Unsicherheit versteckt. Sie wird glaubwürdiger, indem man sie sichtbar macht.
14 · Der HUMA-Stresstest
Am Ende muss sich das Modell unbequemen Fragen stellen.
Was passiert, wenn die Umsatzsteuersenkung nicht vollständig bei den Verbrauchern ankommt?
Dann fällt der Kaufkrafteffekt geringer aus.
Deshalb müssen Preise vor und nach einer Reform beobachtet werden.
Was passiert, wenn der Produktivitätsbeitrag weniger einnimmt als erwartet?
Dann darf auch nur der tatsächlich verfügbare Rest für Mehr Netto vom Brutto eingesetzt werden.
Die Stabilisierung der Sozialversicherung hat Vorrang.
Was passiert, wenn Wohnkosten weiter stark steigen?
Dann kann eine Einkommensentlastung teilweise durch höhere Wohnkosten aufgezehrt werden.
Deshalb muss Wohnen an der Kostenursache bearbeitet werden.
Was passiert, wenn Transfers zu schnell auslaufen?
Dann entstehen neue Erwerbsfallen.
Deshalb brauchen wir eine gleitende Transferlogik.
Internationale Erfahrungen zeigen, dass dieses Problem auch in gut ausgebauten Sozialstaaten entstehen kann. Deshalb soll HUMA die effektive Grenzbelastung nicht nur für einzelne Leistungen, sondern für das Zusammenspiel von Steuern, Sozialabgaben und Transfers berechnen.
Was passiert, wenn Grundversorgung entlastet wird und dem Staat Einnahmen fehlen?
Dann muss die Umsatzsteuerreform angepasst werden.
Das Ziel bleibt eine möglichst aufkommensneutrale Umstellung.
Was passiert, wenn ökologische Vollkosten notwendige Produkte verteuern?
Dann müssen Vollkostenprinzip und Bezahlbarkeit gemeinsam betrachtet werden.
Ökologische Kosten dürfen nicht einfach verdrängt werden – aber Grundversorgung muss erreichbar bleiben.
Was passiert, wenn bestimmte Haushalte kaum profitieren?
Dann ist das kein Grund, die Rechnung zu verstecken.
Es ist ein Hinweis darauf, dass das Instrument für diese Lebenslage nicht ausreicht.
Genau das zeigt beispielsweise unsere erste Alleinerziehendenrechnung.
Was wir bisher sagen können – und was nicht
Wir können heute nicht seriös behaupten:
„Mit HUMA werden alle Haushalte finanziell sicher.“
Das wäre weder berechnet noch realistisch.
Unsere bisherigen Rechnungen erlauben aber eine vorsichtigere Aussage:
Die Größenordnung der bisher entwickelten HUMA-Instrumente ist groß genug, um die reale wirtschaftliche Lage niedriger und mittlerer Erwerbseinkommen spürbar zu verändern.
In unseren ersten Modellhaushalten sehen wir:
unter oder nahe Grundlagen
→ Grundlagen werden erreichbar
Grundlagen
→ Teilhabe kann erreichbar werden
Teilhabe
→ Sicherheit kann erreichbar werden
Sicherheit
→ zusätzlicher finanzieller Spielraum entsteht.
Und gleichzeitig zeigt das Beispiel der Alleinerziehenden:
Nicht jede Lebenslage lässt sich allein durch die Entlastung von Erwerbsarbeit lösen.
Dort bleiben gezielte soziale Sicherung und gleitende Transfers notwendig.
Unser eigentlicher Erfolgsmaßstab
Am Ende wollen wir HUMA nicht daran messen, wie viele Milliarden Euro der Staat bewegt.
Wir wollen wissen:
Wie viele Menschen erreichen die Grundlagen?
Wie viele erreichen Teilhabe?
Wie viele erreichen Sicherheit?
Wie viele verfügen darüber hinaus über größeren finanziellen Spielraum?
Wie groß ist die materielle Mitte?
Wie viel bleibt von zusätzlicher Arbeit tatsächlich übrig?
Welche Haushalte profitieren?
Welche profitieren nicht?
Wie verändern sich notwendige Lebenshaltungskosten?
Und ist das Ganze dauerhaft finanzierbar?
Dann können wir eine politische Reform nicht nur mit einer Zahl wie:
„30 Milliarden Euro Entlastung“
beschreiben.
Sondern beispielsweise:
„Dadurch erreichen zusätzlich X Prozent der Alleinlebenden die Teilhabeschwelle.“
oder:
„Der Anteil der Familien unterhalb der Grundlagen sinkt von X auf Y Prozent.“
Genau diese Wirkungsrechnung wollen wir entwickeln.
Unser Ziel
Ein bezahlbares Leben bedeutet für uns nicht:
Alle sollen gleich viel haben.
Es bedeutet auch nicht:
Der Staat gleicht jede Differenz zu unserem Warenkorb aus.
Unser Ziel ist:
Mehr Menschen sollen aus eigener wirtschaftlicher Kraft Grundlagen, Teilhabe und Sicherheit erreichen können.
Dafür müssen Einkommen, Abgaben, Transfers und Lebenshaltungskosten gemeinsam betrachtet werden.
Und genau deshalb endet unsere Rechnung nicht beim Bruttolohn.
Sie endet dort, wo Wirtschaftspolitik im wirklichen Leben ankommt:
bei den tatsächlichen Lebensmöglichkeiten der Menschen.
